Die Berner Gesundheit ist die Fachstelle für Gesundheitsförderung, Prävention und Sexualpädagogik (GPS) im Kanton Bern. Und damit täglich in Schulen, Kitas, Lehrbetrieben und Gemeinden im ganzen Kanton unterwegs, oft lange bevor überhaupt ein Problem entsteht. Im Gespräch erklärt die Bereichsleiterin Cristina Spagnolo, warum Prävention meist über Lehrpersonen und Eltern statt direkt über Jugendliche läuft, weshalb sich Investitionen in frühzeitige Unterstützung finanziell lohnen und welches Angebot noch immer ein echter Geheimtipp ist.
Viele kennen die Berner Gesundheit wegen der Suchtberatung. Weniger bekannt ist in der breiten Öffentlichkeit der Bereich Gesundheitsförderung, Prävention und Sexualpädagogik (GPS). Was machen Sie eigentlich?
Das höre ich tatsächlich ab und zu. Dabei sind wir bei GPS jeden Tag im ganzen Kanton unterwegs: in Schulen, Kitas, Lehrbetrieben, Gemeinden. Wir unterstützen dort Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Mal geht es um psychische Gesundheit, mal um Mobbing, Sexualität oder Sucht. Unser Ziel ist immer dasselbe: Probleme früh erkennen und Kinder und Jugendliche so stärken, dass sie gar nicht erst in schwierige Situationen geraten. Wenn ich es auf einen Satz bringen müsste: Wir stärken Menschen, bevor aus kleinen Problemen grosse werden.
Ihre Angebote richten sich vor allem an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Weshalb liegt der Fokus genau dort?
Weil in dieser Zeit unglaublich viele Weichen gestellt werden. Kinder und Jugendliche lernen gerade, mit Stress umzugehen, Beziehungen zu gestalten, Grenzen zu setzen. Wenn wir sie dabei gut begleiten, profitieren sie oft ein Leben lang davon. Prävention lohnt sich am meisten, wenn noch gar nichts eskaliert ist. Besonders am Herzen liegen uns Familien, die es ohnehin schon schwerer haben. Die erreichen klassische Angebote oft zu wenig.
Sie arbeiten in der Regel nicht direkt mit Kindern und Jugendlichen, sondern mit Lehrpersonen, Eltern oder anderen Fachpersonen. Warum?
Eine Lehrperson begleitet im Laufe ihrer Berufslaufbahn Hunderte Kinder. Eine Kitaleiterin prägt Generationen von Familien. Wenn wir diese Menschen stärken und sie ihr Fachwissen erweitern, entsteht eine viel grössere Wirkung, als wenn wir nur einzelne Workshops mit Jugendlichen machen würden. Das fasziniert mich an unserer Arbeit: Mit einer Schulung können wir oft viel bewegen.
Viele denken bei Prävention an einzelne Workshops. Sie begleiten aber oft ganze Organisationen. Weshalb?
Weil ein einzelner Workshop selten viel verändert, wenn das Umfeld drumherum gleich bleibt. Nehmen Sie #standup gegen Mobbing: Da geht es nicht darum, einmal übers Thema zu reden, sondern das Schulklima über mehrere Jahre zu verändern. Mit Schulleitung, Lehrpersonen, Eltern und Schüler:innen zusammen. Oder Communities That Care, wo wir ganze Gemeinden begleiten: erst schauen, wo Risiken und Schutzfaktoren liegen, dann gezielt Massnahmen entwickeln, über Jahre. Das ist aufwändiger, keine Frage. Aber Wirkung verstärkt sich dort, wo sich Strukturen verändern.
Was unterscheidet die Berner Gesundheit von anderen Anbieter:innen?
Ich würde drei Dinge nennen. Erstens hören wir zuerst zu und entwickeln unsere Angebote gemeinsam mit den Schulen oder Gemeinden, statt einfach ein Standardprogramm anzubieten. Zweitens denken wir immer auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Es geht nicht nur um einzelne Personen, sondern auch um Teams, Strukturen und das Umfeld. Und drittens legen wir grossen Wert auf Qualität. Unsere Arbeit basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und wir überprüfen unsere Angebote laufend. Das gibt unseren Partner:innen Sicherheit.
Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich heute am häufigsten? Hat sich das in den letzten Jahren verändert?
Psychische Gesundheit ist sicher eines der grössten Themen. Viele Schulen und Gemeinden melden sich bei uns, weil sie merken, dass Kinder und Jugendliche stärker unter Druck stehen. Gleichzeitig beschäftigen uns digitale Medien, Mobbing, Suizidprävention oder Fragen rund um Sexualität weiterhin sehr. Und etwas, das mir persönlich wichtig ist: Wie erreichen wir auch jene Familien, die unsere Unterstützung am dringendsten brauchen, aber oft am schwierigsten zu erreichen sind?
Und wie gelingt das?
Vor allem, indem wir nicht warten, bis diese Familien zu uns kommen, sondern selbst dorthin gehen, wo sie ohnehin schon sind. Das heisst zum Beispiel: mehrsprachige Info-Materialien statt nur Deutsch oder Französisch und aufsuchende Angebote. Mit Migram und PapaRat, beides Schlüsselpersonen-Programme, sind wir etwa in bis zu 16 Sprachen unterwegs und beraten Familien mit Migrationserfahrung direkt in ihrem Umfeld.
Ein zweites Beispiel ist unser Peer-Programm zu Geld- und GlĂĽcksspiel: Dort bilden wir Jugendliche und junge Erwachsene selbst aus, damit sie mit Gleichaltrigen ĂĽber die Risiken von GlĂĽcks- und Geldspielen sprechen. Das funktioniert oft glaubwĂĽrdiger, als wenn wir das als Fachstelle direkt tun.
Welche Angebote werden Ihrer Meinung nach noch viel zu wenig genutzt oder sind echte Geheimtipps?
Viele kennen unsere sexualpädagogischen Gruppengespräche mit Schüler:innen. Weniger bekannt ist, dass wir Schulen oder Gemeinden auch über längere Zeit begleiten. Oder dass sich Eltern und Fachpersonen jederzeit bei uns melden dürfen, vor allem wenn noch gar nichts 'passiert' ist. Genau dafür sind wir da. Konkret würde ich das PapaRat-Programm nennen: niederschwellige, mehrsprachige Gruppengespräche für Väter mit Migrationserfahrung zu Erziehung und Vaterrolle. Väter werden in der Präventionsarbeit oft leicht vergessen, dabei ist ihre Rolle enorm wichtig.
Ebenfalls empfehlen möchte ich unser selbst entwickeltes Produkt «goodplan – Umgang mit Stress», das sich direkt in der Präventionsarbeit mit Jugendlichen anwenden lässt. Mittlerweile nutzt es auch der Bereich Beratung und Therapie der Berner Gesundheit für seine Arbeit mit dieser Zielgruppe – goodplan ist unglaublich vielseitig einsetzbar!
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was müsste sich im Kanton Bern verändern, damit Kinder und Jugendliche gesünder aufwachsen können?
Ich wünsche mir, dass wir Prävention nicht als Luxus sehen, sondern als etwas Selbstverständliches. Niemand würde warten, bis ein Haus brennt, um einen Rauchmelder zu installieren. Bei der Gesundheit ist es ähnlich: Je früher wir handeln, desto mehr können wir bewirken.
Das ist übrigens keine reine Herzensangelegenheit, sondern rechnet sich konkret: Jeder Franken, den wir in Prävention investieren, spart später ein Vielfaches an Kosten für Therapien, Sozialsysteme und weitere Interventionen. Früh handeln ist nicht nur menschlich sinnvoll, sondern auch das wirtschaftlich klügere Vorgehen.
Sie möchten wissen, was die Berner Gesundheit für Ihre Schule, Gemeinde oder Institution tun kann? Nehmen Sie Kontakt auf oder entdecken Sie unsere Angebote online.
Cristina Spagnolo
Bereichsleiterin Gesundheitsförderung, Prävention und Sexualpädagogik