Jugendliche und Stress: eine Generation unter Druck

Knapp die Hälfte der Jugendlichen zwischen 15 und 21 Jahren in der Schweiz fühlt sich dauerhaft gestresst. Leistungsdruck in Schule und Ausbildung, soziale Unsicherheiten und eine immer schnellere Welt treffen auf Heranwachsende, die noch lernen, damit umzugehen. Mit teils ernsten Folgen für die psychische Gesundheit. Zwei Fachfrauen, die mit Jugendlichen arbeiten, erklären, was hinter den Zahlen steckt. Und was tatsächlich hilft.

Jede zweite junge Person ist betroffen

Der Nationale Gesundheitsbericht 2025 von Obsan zeigt: Rund ein Drittel der 9- bis 15-jährigen in der Schweiz fühlt sich gestresst, bei den 15- bis 21-Jährigen sind es knapp die Hälfte. Die psychische Belastung hatte bereits vor der Pandemie zugenommen, mit Covid-19 hat sich diese Entwicklung weiter beschleunigt.

Die kürzlich publizierte Pro Juventute Jugendstudie 2026 bestätigt dieses Bild. Knapp ein Viertel der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen gab an, sich in den letzten Tagen «oft» oder «immer» gestresst gefühlt zu haben. Die meistgenannten Gründe: hohe Anforderungen in Schule, Ausbildung oder Arbeit sowie allgemeiner Leistungsdruck. Die Belastungen äussern sich in Symptomen wie Müdigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen oder schlechter Konzentration.

Auffallend ist, dass Stress und Belastung nicht alle gleichermassen treffen. Mädchen und junge Frauen gaben häufiger an, unter psychischen Belastungen zu leiden. Ein Befund, der international konsistent dokumentiert ist und unter anderem mit höherem sozialem Erwartungsdruck und problematischerer Nutzung sozialer Medien in Verbindung gebracht wird. Auch Kinder aus Migrationsfamilien sind überdurchschnittlich betroffen, was Forschende auf den Doppeldruck aus Integrations- und Leistungsanforderungen zurückführen. Was als Stressor wahrgenommen wird, wie er sich auswirkt und was dagegen hilft, ist damit auch sozial geprägt.

Zwischen Leistungsdruck und fehlendem Halt

Anita Freitag, Schulsozialarbeiterin an einer Oberstufe in Münchenbuchsee, berichtet: «Stress ist im Alltag von Jugendlichen sehr präsent. Der Begriff kommt gefühlt in jeder meiner Beratungen vor. Ausgelöst wird er häufig durch Leistungsdruck oder soziale Beziehungen.» Freitag beobachtet, dass die Grundhaltung der Jugendlichen entscheidend ist: «Wer eine positive Grundeinstellung mitbringt, geht lösungsorientierter mit Stress um. Wer eher pessimistisch eingestellt ist, fühlt sich in belastenden Situationen rasch überfordert und orientierungslos.» Auch die familiäre Unterstützung spiele eine zentrale Rolle, gerade dort, wo sie fehle.

Elvira Bühlmann, Fachmitarbeiterin Gesundheitsförderung und Prävention bei der Berner Gesundheit, nennt Überforderung sowie Zukunftsunsicherheiten als weitere Ursachen: «Jugendliche haben oft das Gefühl, nicht zu genügen. Sie sehen sich vielen Ansprüchen gegenüber und haben manchmal Mühe zu entscheiden, welche Ziele gerade wichtig sind und worauf sie sich fokussieren sollen. Zudem dreht sich die Welt aktuell sehr schnell und ist voller unberechenbarer Veränderungen, die digitale Medien noch verstärken. Viele haben das Gefühl, keinen Einfluss auf ihre Zukunft zu haben. Das kann zu grossem Stress führen.»

Stress entsteht, wenn Anforderungen und verfügbare Ressourcen aus dem Gleichgewicht geraten. Er ist höchst individuell: Was eine Person belastet, kann für jemand anderen eine bereichernde Herausforderung sein. «Es ist wichtig, Stress individuell anzuschauen: Was passiert bei mir im Körper, mit meinen Gedanken? Was genau stresst mich, und wann?», so Bühlmann. Gleichzeitig betont sie den Wert des Austauschs Jugendlicher untereinander: «Im Gespräch wird oft klar, dass Freund:innen ähnliche Stresserlebnisse kennen. Sie profitieren voneinander und erleben, dass sie gegenseitig eine Ressource sein können, wenn sie sich in einer belastenden Situation befinden.»

Bühlmann weist zudem auf einen oft unterschätzten Zusammenhang hin: Ungelöster Stress löse Druck aus, der oft unkontrolliert seinen Lauf nimmt: Zum Beispiel in Form von selbst- oder fremddestruktivem Verhalten. «Hinter fast jedem problematischen oder auffälligen Verhalten steckt Stress», so Bühlmann. Deshalb kann das Thema Stress präventiv als Türöffner zu diversen weiteren Themen wie Aggression, Mobbing oder Suizidalität dienen. Äusserst wertvoll sei es, das Thema in Schulen aktiv anzusprechen und Jugendliche darin zu begleiten, ihre Stressfaktoren und Ressourcen kennenzulernen, Gefühle zu benennen und individuelle Strategien zu entwickeln.

Stressbewältigung gehört in den Lehrplan

Die Expertinnen sind sich einig: Prävention muss früher ansetzen und in den Schulalltag integriert werden. Nicht als isoliertes Projekt, sondern als verbindlicher Teil des Unterrichts

Freitag setzt in ihrer Beratungsarbeit unter anderem auf die «goodplan»-Box der Berner Gesundheit: «Mit der Box habe ich ein Werkzeug gefunden, um Jugendlichen zu erklären, was Stress ist, wann er zur Überlastung wird – und wie man gegensteuern kann. Die Bildkarten decken alle erdenklichen Situationen ab und das Vier-Felder-Modell gibt mir eine Struktur in meinen Beratungen.»

Auch Bühlmann betont den Wert von konkreten, erfahrungsbasierten Zugängen: «Erst wenn Jugendliche verstehen, was in ihrem Körper bei Stress passiert, entwickeln sie ein Bewusstsein dafür, warum Stressabbau nicht optional, sondern notwendig ist.»

Stress gehört für viele Jugendliche in der Schweiz zum Alltag. Schulen, Fachstellen und Familien sind gemeinsam gefordert. Denn wer früh lernt, mit Stress umzugehen, weiss, wie auch später mit stressigen, belastenden oder beängstigenden Situationen umgegangen werden kann.

«goodplan» – Umgang mit Stress

Die goodplan-Box ist ein praxiserprobtes Werkzeug für die Arbeit mit Jugendlichen zum Thema Stress. Bildkarten machen Situationen und Emotionen greifbar; Arbeitsblätter helfen, Themen zu vertiefen und individuelle Strategien zu entwickeln.

Schulsozialarbeiterin Anita Freitag setzt die Box regelmässig ein: «Kürzlich kam ein 14-jähriges Mädchen zu mir – sehr fleissig, aber belastet von schlechter Laune und Traurigkeit. Sie wollte Prüfungen vorziehen, nur um der Belastung zu entkommen. Mit der goodplan-Box konnte ich ihr erklären, was Stress ist und wie er sich auf sie auswirkt. Zusammen haben wir dann Strategien entwickelt.»

Freitag schätzt die digitalen Begleitmaterialien: «Die theoretischen Hintergründe, die man sich online herunterladen kann, sind für mich persönlich sehr wertvoll. Mit den Unterrichtseinheiten kann ich die Lehrpersonen meiner Schule unterstützen und ihnen konkrete Materialien mitgeben.»

Elvira Bühlmann beschreibt den Mehrwert für die Präventionsarbeit: «goodplan bietet konkrete Alltagstipps. Es hilft Jugendlichen, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu benennen und damit umzugehen. So erhalten sie Werkzeuge, auf die sie ihr Leben lang zurückgreifen können.»

Quellen

  • Nationaler Gesundheitsbericht Obsan 2025

  • Jugendstudie Pro Juventute, März 2026

  • Campbell, O., Patalay, P. & Bann, D. (2021). The gender gap in adolescent mental health: A cross-national investigation of 566,829 adolescents across 73 countries. SSM – Population Health

  • WHO/Europe & HBSC (2024). Health Behaviour in School-aged Children: Key findings 2022. WHO Regional Office for Europe.

  • Gespräche mit Anita Freitag (Schulsozialarbeit Oberstufe MĂĽnchenbuchsee) und Elvira BĂĽhlmann (Berner Gesundheit)

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